Alastair Reynolds: Rache

Seit hunderttausenden von Jahren breitet sich die Menschheit im heimatlichen Sonnensystem aus. Dabei gibt es immer wieder Rückschläge, werden die Habitate, in und auf denen sich die Menschen ausgebreitet haben von Katastrophen heimgesucht. Die oftmals blühenden Zivilisationen werden dabei zerstört, Überbleibsel dieser „Okkupation“ genannten Hochzivilisationen bleiben in Blasen zurück. Blasen, die ihr Inneres vor der Erkundung, dem Ausräubern und der Zeit schützen.

In unregelmäßigen Zeitabständen aber öffnen sich die Blasen für einen kurzen Zeitraum – eine Möglichkeit, die wagemutigen Raumfahrern die Chance eröffnet, die wertvollen Artefakte zu bergen. Mit an Bord der Sonnensegler mit einem unterstützenden Ionenantrieb sind neben den Aufschliessern, die berechnen wann und für wie lange sich eine Blase öffnet auch immer die Knochenleser – besonders begabte, junge Menschen, die mittels Alienknochen geistig Verbindung zu einander aufnehmen können und so eine zeitnahe interstellare Kommunikation erst ermöglichen.

Vorhang auf für die Geschwister Ness. Ihr Vater hat das aufgrund des Bankencrash so schon geschrumpfte Familienvermögen bei einem riskanten Investment verloren, das Angebot, auf einem der Schiffe mitzufliegen, das Knochenlesen zu lernen und Reichtümer zu verdienen scheint unwiderstehlich. Dumm nur, dass Captain Rockamore und seine Crew sich mächtige, gnadenlose Feinde geschaffen haben. Raumpiraten greifen das Schiff an, töten die Crew und entführen die ältere Schwester. Fura kann sich retten und macht sich auf, ihre entführte Schwester zu befreien und an der Raumpiratin Rache zu üben …

Im Grunde genommen kennen wir das Gerüst, das uns Reynolds hier präsentiert. Eine junge Frau wird aus ihren behüteten Umfeld gerissen, erlebt Abenteuer, Gewalt und verändert sich dabei massiv. Nicht nur, dass sie altert – physisch wie psychisch – sie entwickelt sich zu einer gnadenlosen Jägerin die zunächst als Einziges auf Rache sinnt.

Das Besondere an diesem Roman, ist das Drumherum. Die Welt, die sich Alastair Reynolds hat einfallen lassen ist ein atemberaubendes Unikat. Endlich einmal keine durchs All flitzende, funkelnagelneue Raumschiffe mit den Flair einer Autowaschanlage, sondern gebrauchte ja alte Raumfahrzeuge, die als Unterkunft und Reisemittel dienen. Dazu die diversen Habitate, Kleinstwelten und deren Historie, die in Bankgeschäften sich engagierenden Aliensrassen und jede Menge skurriler Figuren bevölkern den Roman.

Im Verlauf der Entwicklung unserer Ich-Erzählerin verändert sie sich fundamental. Diese Metamorphose vom schüchternen Mädchen hin zu einer erfahrenen Raumfahrerin, die sich dem Schrecken und den Gefahren offenen Auges stellt wird dermaßen überzeugend geschildert, dass der Leser nie am inneren Wahrheitsgehalt des Plots zweifelt.

Hinzu kommen die faszinierend anderen Darstellungen der Überbleibsel früherer Hochkulturen, undurchschaubarer Aliens und fieser Raumpiraten. Das beinhaltet folgerichtig auch ein gehöriges Maß an Gewalt, diese aber nie als Selbstzweck, sondern immer als passendes Mosaik zur Fortsetzung des Handlungsfadens. Es gibt auch keine großen Abschweifungen, Reynolds konzentriert sich auf die Geschichte von Fura, die er stringent in einem fesselnden SF-Universum zu einem befriedigenden Abschluss führt.

Zwar erreicht der Roman nicht ganz das Niveau von Reynolds besten Titeln, doch lässt er scheinbar mühelos viele seiner Kollegen und deren Space Operas hinter sich.

Alastair Reynolds: Rache.
Heyne, Januar 2018.
560 Seiten, Taschenbuch, 10,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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