Akram El-Bahay: Die Bibliothek der flüsternden Schatten 02: Bücherkönig

Willkommen zurück im Orient. Hier, inmitten des großen Sandmeeres liegt sie gleich einem Juwel – Mythia, die prächtige Stadt in dessen Palast der Weiße König residiert, deren unbezwingbare Wälle die Metropole vor den äußeren Feinden schützen und dessen Inneres von der Palastwache, allen voran, den Iblissen geschützt wird.

Was kaum einer der vielen Bewohner der Stadt wahrnimmt ist die Sammelleidenschaft ihres Herrschers. Unterhalb der Stadt hat er seine Sammlung sicher bewacht untergebracht – in riesigen, wohltemperierten und vor der ausbleichenden, gnadenlosen Sonne geschützt liegen seine Schätze. Bücher über Bücher, Bücher, die magisch sind. Vor Urzeiten, lange aus dem Gedächtnis der Menschen entfleucht, stritten zwei Arten um die Herrschaft über die Erde. Ein Krieg brach aus, verheerend und verlustreich. Die Mythen, alle Zauberwesen standen an seinem Ende vor dem Nichts – und einer Entscheidung. Entweder sie würden alle getötet, oder aber ihre geheimen Namen und mit diesen sie selbst, ihr Ich würde in Bücher geschrieben und sie aus der Welt getilgt.

Mittlerweile sind einige der Fabelwesen, die die Menschen nur noch aus uralten Märchen kennen aus ihren blätternen Gefängnissen in Paramythia entkommen. Sam war einst der versierteste Dieb der Stadt. Bis er beschloss, ehrbar zu werden und sich, unter falschen Namen versteht sich, in die Palastwache einschlich. Nachdem er zur Bewachung der Bücherstadt eingeteilt wurde, nahmen die Ereignisse ihren Lauf. Er entdeckte die geflohenen Fabelwesen, schloss sich ihnen an, fand eine Liebe und eine unerbittliche Gegnerin – eine Hexe, deren Ziel es ist, den alten Zwist wieder aufleben zu lassen und sich als absolute Herrscherin auf den Thron zu setzen. Aufhalten kann sie nur ein Bündnis aus Menschen und Fabelwesen – doch diese müssen dazu zunächst aus ihrem Gefängnis befreit werden …

Akram El-Bahay setzt im Mittelband seiner orientalischen Trilogie da an, wo er im ersten Teil, „Bücherstadt“, aufgehört hat. Sprich, er verzückt seine Leser durch viel arabisches Flair, nutzt diese Bühne dann geschickt und versiert dazu und eine Geschichte voller Dramatik und voller Wendungen zu erzählen. Dabei bricht er eine Lanze für die Selbstbestimmung, den Drang ja das Recht nach Freiheit und Toleranz. Mehr noch, natürlich merkt man dem Buch in jeder Zeit die Liebe des Autor zum Medium Buch an. Das erinnert in Vielem an Werke Kai Meyers, ohne dass der Autor diese plagiiert. Es ist mehr die Ausstrahlung, die Atmosphäre, die El-Bahay vermittelt, die unterschwelligen Aussagen, die er seinem Text mitgibt, die an den magischen Realisten erinnern.

Inhaltlich geht es nahtlos weiter mit der Geschichte um uralte, vergessene Wesen und Geheimnisse, magische Gefängnisse, wie man sie bislang noch nicht gelesen hat und dramatischen Kämpfen. Dabei entwickelt der Autor nicht nur seine Figuren fort – das erwartet der Leser mittlerweile von einem Verfasser – nein, er überrascht durch Entwicklungen, die logisch aufeinander aufbauend ineinander greifen. Dass er dabei immer wieder auch etwas Überraschendes für seine Leser in Petto hat sei erwähnt.

Dass er vorliegend der Fokus so manches Mal vom liebenswerten Dieb Sam fortnimmt und andere Figuren ins Rampenlicht setzt tut dem Plot gut. Nicht nur, dass wir so ein viel umfassenderes und facettenreicheres Bild der Welt erhalten, auch die verschiedenen Sichtweisen auf die Figuren ermöglichen uns diese plastischer und damit in sich überzeugender wahrzunehmen.

So ist dies wiederum ein überaus gelungener Roman abseits der ausgetretenen Pfade, der uns verzaubert in die Welt aus tausend und einer Nacht entführt, uns ganz eigene phantastische Kreationen präsentiert und uns mit Herzklopfen an die Seiten fesselt. Das wird im Finale der Trilogie nur schwer zu toppen sein.

Akram El-Bahay: Die Bibliothek der flüsternden Schatten 02: Bücherkönig.
Bastei Lübbe, August 2018.
400 Seiten, Taschenbuch, 14,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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