Abigail Assor: So reich wie der König

Die 16-jährige Sarah ist eine Schönheit. Sie lebt in den 90er Jahren im Armenviertel von Casablanca.  Als Französin darf sie das Gymnasium besuchen, ohne Schulgeld bezahlen zu müssen. Sie träumt von einem Leben in Sorglosigkeit, ein reicher Ehemann wird ihr irgendwann dazu verhelfen. Schon jetzt lässt sie sich von Jungs bzw. jungen Männern aushalten. Als sie eines Tages von Driss hört, der reich wie ein König sein soll, steht ihr Entschluss fest: Sie wird ihn erobern und heiraten, dann ist sie die Königin. Ihr Aussehen eröffnet ihr den Zugang zu besser gestellten Gruppen, sie verbirgt geschickt, aus welchen Verhältnissen sie kommt – keiner ihrer Mitschüler bzw. der Jungs, von denen sie sich anbaggern und abschleppen lässt, weiß, wo sie wohnt, lieber nimmt sie zwei Stunden Fußweg zur Schule auf sich.

Driss wiederum stammt aus einer reichen muslimischen Familie, er fährt Motorrad, trinkt Pfefferminzlimonade. Ist verklemmt und nicht unbedingt gutaussehend. Für Sarah ist das kein Hindernis. Seine thymiangrünen Augen erinnern sie an Rindertajine, sie sind ein Versprechen, eine Vorahnung der glücklichen Zukunft.

In ihrem Roman beschreibt Abigail Assor das Leben in der Millionenstadt Casablanca, im Roman nur „Casa“ genannt.  Wenn Sarah auf ihren Wegen durch die Straßen der Stadt läuft – durch die Wohngebiete der Reichen ebenso wie durch die Armenviertel, bekomme ich einen Eindruck von vielfältigen Sinneseindrücken.  Ich kann die Stadt hören – das Stimmengewirr in den Straßen, Autos, Hupen, den Ruf des Muezzins und den des viouzabi, der bei den Reichen nicht mehr gebrauchte Gegenstände einsammelt und sie für wenig Geld an die Armen verkauft. Ich sehe die schicken Karossen der wohlhabenden Jungs, die Blechhütten in den Vororten, die verfaulten Zähne der Drogensüchtigen, die Bettler. Ich nehme den Geruch wahr, den von Thunfisch und Sardinen, von Abfall und von teurem Parfum. Ich erlebe die Stadt in vielen Facetten.

Die Geschichte wird aus der Perspektive von Sarah erzählt. Sie ist das Bindeglied zwischen den strikt getrennten Welten in Casablanca. Sie glaubt, dass sie weiß, wie das Leben in dieser Stadt funktioniert. Schönheit und Dreistigkeit eröffnen ihr den Zugang zu den Pools und Partys. So lerne ich als Leser verschiedene Seiten kennen. Sarahs Selbstverständnis passt in diese Welt. Sie akzeptiert die Ordnung, von der sie sich einen Vorteil erhofft. Die Schule ist ihr egal, sie glaubt nicht daran, dass sie durch Fleiß etwas an ihrem Leben ändern kann.  Sie will die unsichtbaren und allgegenwärtigen Grenzen nicht einreißen, sie will hinüberklettern auf die andere Seite und von dort dann mit derselben Verachtung zurückschauen, mit die Wohlhabenden sie und ihresgleichen betrachten.

Ich habe Sarah nicht unbedingt als Sympathieträgerin gesehen. Sie ist ein kleines freches Raubtier, das ein großes faules werden will. Sie ist gleichzeitig berechnend und ehrlich. Sie wird von der Sehnsucht nach einem besseren Leben getrieben. Abigail Assor gelingt es, sie für mich zu einem Spiegel der Stadt werden zu lassen. Ihr gelingt zudem, dass ich von Sarahs Sehnsucht durch das Buch getragen werde und mit ihr wider besseres Wissen die Hoffnungen teile. Für mich ist dieses Buch ein weiteres lesenswertes Fenster zur Welt.

Abigail Assor: So reich wie der König.
Aus dem Französischen übersetzt von Nicola Denis.
Insel Verlag, Februar 2022.
224 Seiten, Gebundene Ausgabe, 23,00 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Jana Jordan.

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