Abby Fabiaschi: Für immer ist die längste Zeit

Madeline, genannt Maddy, sucht eine neue Frau für Ihren Mann Brady und eine neue Mutter für ihre 16-jährige Tochter Eve. Das ist an sich schon ungewöhnlich, wird aber noch seltsamer, wenn man weiß, dass Maddy nach einem Sturz vom Bibliotheksdach des Wellesley-College gestorben ist und nun in einer Zwischenwelt über der Erde schwebt. Sie kann sich nicht erklären, warum das so ist, fragt sich, ob sie jetzt dauerhaft als Gespenst ihr Unwesen treiben muss oder ob dieser Zustand das Fegefeuer ist.

Ihren Mann und ihre Tochter möchte sie jedenfalls möglichst gut versorgt wissen, denn sie war schon zu Lebzeiten die Zuverlässigkeit in Person. Anstrengt versucht sie, die richtige Frau zu finden, die – wie sie – den Alltag von Brady und Eve organisiert, denn die beiden sind sonst aufgeschmissen. Sie war immer da, wenn sie gebraucht wurde, hat sich selbst und ihre Bedürfnisse zurückgenommen und kannte für jede Lebenssituation das richtige Lied oder eine passende Weisheit. Da Grundschullehrerinnen genau die Eigenschaften haben, die Maddy sich für ihre Nachfolgerin wünscht, schaut sie sich zuerst unter ihnen um. Als sie gerade aufgeben und zu den Krankenschwestern übergehen will, findet sie in Rory das scheinbar perfekte Exemplar. Sie beginnt, sie auf Herz und Nieren zu prüfen.

Bald bemerkt sie, dass sie sich in die Gedanken der Menschen einmischen und sie so beeinflussen kann. Also flüstert sie Brady, Eve und Rory ein, was sie ihrer Meinung nach tun sollen. Und siehe da: Es funktioniert, zumindest ab und zu. Das ist auch notwendig. Denn Eve kann an nichts anderes denken, als an ihre Mutter. War Maddy unglücklich? Hat sie sich vom Dach gestürzt, weil Eve sich ihr gegenüber so unmöglich verhalten hat? Was hat ihre Mutter vor ihr verborgen? Warum hat sie sie verlassen? Ist sie Schuld daran?

Ihre Freunde und die wenigen Verwandten bedauern sie, behandeln sie wie ein rohes Ei oder – noch schlimmer – vermeiden es mit ihr über ihren Verlust zu sprechen. Sie zieht sich immer weiter zurück und beschließt, im nächsten Schuljahr auf ein Internat zu wechseln.

Mit ihrem Vater kann sie über ihre Trauer und ihre Fragen nicht sprechen. Er versteht sie nicht, wird oft wütend oder geht einfach fort, wenn er zu aufgewühlt ist und er arbeitet viel zu viel. Der Schock sitzt tief, dass seine Frau von einem Dach gesprungen ist, ohne dass er vorher bemerkt hat, dass es ihr schlecht geht. Auch er sucht nach Erklärungen. Dass sie gesprungen sein soll, ist für ihn ein unverständlicher Widerspruch. Selbstmord sieht ihr nicht gleich, sie fand es feige und verantwortungslos, sich so davon zu machen. Doch die Ermittlungen der Polizei sind abgeschlossen und alles deutet darauf hin, dass sich Maddy das Leben genommen hat. In ihrer Nachttischschublade findet Brady ihr Tagebuch und beginnt zu lesen. Dabei lernt er seine Frau immer besser kennen.

Rory kommt ins Spiel – natürlich ist das von Maddy eingefädelt -, um Eve Nachhilfeunterricht in Mathe zu geben. Sie ist zwar eine gute Schülerin, muss aber für das Internat mehr nachweisen, als sie bisher gelernt hat. Rory ist Eve und Brady auf Anhieb sympathisch. Maddy freut sich, einen so guten Riecher gehabt zu haben. Doch am Ende sind viele Dinge nicht so, wie sie scheinen und während Maddy sich Stück für Stück von der Erde und ihren Lieben löst, haben alle ein Stück mehr zu sich selbst und zu den anderen gefunden.

Ich muss gestehen, zu Beginn des Buches hatte ich Bedenken, dass es mir zu „amerikanisch“ sein könnte. Denn die US-Mittelschicht-Welt mit 16jährigen, die mit dem eigenen Auto zur Schule fahren oder sich für die jährlichen High-School-Bälle in Schale werfen, mit Müttern, die in Haushalt und Kindererziehung aufgehen, dafür ihren guten Job aufgeben und nur noch ehrenamtlich arbeiten, mit Vätern, die eigentlich nie anwesend sind und trotzdem meinen, sie würden das Beste für ihre Familie tun, ist mir doch sehr fremd.

Doch es hat nicht lange gedauert, bis mich Abby Fabiaschi und ihr Stil überzeugt haben. Maddy, Eve und Brady sind allesamt zu Persönlichkeiten geworden, denen ich gerne zugehört habe. Ihre Gedanken haben mich berührt, ihre Entwicklung habe ich mit großer Neugier verfolgt. Kitschklippen werden gekonnt umschifft, wenn Eve einen sarkastischen Spruch loslässt, Brady davon läuft und Maddy von ihrer erhöhten Position aus mit ihrem praktischen Realitätssinn und ihrer Offenheit punktet.

Auch wenn ich die Auflösung schon recht früh geahnt habe, wurde mir das Buch nicht langweilig, denn es verpackt tiefe Einsichten in eine gut lesbare, emotionale Geschichte um Trauer, Mitmenschlichkeit und Zuversicht.

Sähe ich dieses Buch in einer Buchhandlung liegen, würde das Cover betrachten und den Klappentext lesen, würde ich denken: ein typisches „Frauenbuch“. Aber nachdem ich es gelesen habe, denke ich: ein Buch für alle Menschen, denn es zeigt Wege, wie es gelingen kann, aufeinander zuzugehen, sich und andere besser zu verstehen und so gemeinsam ein gutes Leben zu führen bevor es zu spät ist. Bei den meisten Frauen stößt man damit auf offene Ohren, bei vielen Männern auch.

Den Männern würde ich also den Tipp geben: Jungs, lasst euch nicht vom Cover abschrecken, auch ihr könnt dieses Buch mit Gewinn für euch lesen und euch dabei gut unterhalten.

Abby Fabiaschi: Für immer ist die längste Zeit.
Fischer, März 2018.
368 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Beate Fischer.

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