A. K. Benedict: Die Seelen von London

Jeden Morgen, lange bevor die Langschläfer und Büromenschen überhaupt an das Aufstehen denken, ist Maria unterwegs. Zusammen mit einer ganzen Reihe von Mitforschern durchsucht sie das Themeseufer nach Überbleibseln der Vergangenheit. Archäologen sind sie nicht, aber sie haben sich Wissen um professionelle Suche nach Artefakten angeeignet und sind mit Feuereifer bei der Sache. Dass Maria blind war, ist dabei kein Hinderungsgrund. Zwar könnte sie, nach der erfolgreichen Operation sehen, doch sie hat sich dafür entscheiden eine Binde zu tragen, sonst wäre sie ja nicht mehr sie selbst.

Ihr Haus ist ein Sammelsurium von Fundstücken. Scherben, Schlüssel und Edelsteine finden sich wohlgeordnet und sorgfältig verpackt in ihren Regalen.

Eines Morgens aber findet sie ein ganz besonderes Stück. In einer kleinen Kassette wird ihr von einem anonymen Verehrer ein Ring überlassen. In Braille Schrift steht auf der beigelegten Karte „Willst Du mich heiraten, Maria“. Originell meinen sie, ja, aber doch eher makaber, ist der Ring doch noch am Finger der ermordeten Vorbesitzerin befestigt.

Detective Inspector Jonathan Dark stieß bereits einmal auf den mysteriösen Stalker, der sich auf Marias Fersen geheftet hat. Damals konnte er nur hilflos eine Leiche bergen, dem Täter kam er, trotz aller Ermittlungen, nicht auf die Spur. Dieses Mal, so schwört er sich, wird er den Salker zur Strecke bringen – schließlich hat er, seit seine Beziehung auseinanderging, Zeit genug für seinen Job.

Ungewöhnliche Hilfe bekommt er vom Bestatter Frank, der eine sehr innige, fast schon freundschaftliche Beziehung zu seinen Kunden hegt. Oder sollte ich besser, zutreffender sagen, zu den Geistern der Verstorbenen, denen er bei Eingewöhnen in ihr Dasein nach dem irdischen Leben hilft. Als sich dann noch ein stinksaures Opfer einschaltet, kommen die Ermittlungen so richtig ins Rollen …

Der Waschzettel machte mich neugierig auf dieses Buch. Da schien jemand in dem Revier eines Ben Aaroniovitch wildern zu wollen, dachte ich mir, ein phantastisch angehauchter London-Krimi, das schien vielversprechend. So machte ich mich mit einigen Erwartungen an die Lektüre, die mich, um dies vorwegzunehmen, mit zwiespältigen Gefühlen zurück ließ.

Mrs. Benedict hat sich für ihre Leser so einiges einfallen lassen. Eine Geheimgesellschaft, ein Netzwerk, das seine Mitglieder skrupellos unterstützt, Geister, ein traumatisierter Ermittler, ein Stalker der Extraklasse und ein Opfer, das so gar nicht in die Schublade passen will, das steht auf der Haben Seite des Buches. Alle beteiligten Figuren sind interessant und ungewöhnlich gezeichnet, agieren zunächst in ihre Rolle überzeugend. Allerdings tut sich der Leser ein wenig schwer. Die Handlungsebenen laufen lange Zeit parallel, ohne wirklich miteinander verzahnt zu sein, mitten im Text wechselt die Perspektive, die Absätze sind nur durch einen zweizeiligen Abstand voreinander abgesetzt. Hier wäre ein Stern oder eine Vignette zum leichteren Zurechtfinden hilfreich gewesen.

Allerdings entwickeln sich manche Figuren nicht wirklich positiv weiter. Unser Ermittler versinkt allzu oft in Selbstmitleid, Marias Weigerung zu sehen ist so nicht wirklich nachvollziehbar, insbesondere wenn man bedenkt, dass sie gejagt wird. Die Geister schließlich, eigentlich eine bestechende Idee, greifen zunächst zu wenig in den Plot ein. Hier hätte die Autorin mehr aus dem brach liegenden Potential machen können.

Der Text selbst liest sich, abgesehen von den oben angesprochenen abrupten Perspektivwechseln angenehm und flüssig, wobei die letztliche Ergreifung des Täters zu schnell abgehandelt wird. So mache Ansätze verlaufen in einer Sackgasse, insgesamt gesehen hat die Autorin ein wenig viel in ihren Plot hineingepackt. Das Potential für eine faszinierende Urban-Krimi-Serie hat der Roman auf jeden Fall. Warten wir ab, ob uns die Autorin eine Fortsetzung anbieten wird.

A. K. Benedict: Die Seelen von London.
Knaur, Juni 2017.
400 Seiten, Taschenbuch, 14,99 Euro.

Diese Rezension wurde verfasst von Carsten Kuhr.

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